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Opfergedenken
2013 in Deutschneudorf
am 6.7.2013 |
Bericht in der Komotauer Zeitung Folge
9, Sept. 2013
10 Jahre Gedenken für die Opfer
Am 6. Juli 2013
gedachten über 120 Komotauer Landsleute und zahlreiche Gäste an der „Gedenkstätte
9. Juni 1945“ in Deutschneudorf im sächsischen Erzgebirge der Opfer des
Todesmarsches und der Vertreibung.
Die Heimatkreisbetreuerin
und Vorsitzende des Fördervereins Mittleres Erzgebirge – Komotauer Land e.V.,
Hedwig Gemmrig, begrüßte alle Landsleute und Gäst, darunter auch
die in der Heimat
verbliebenen Landsleute und die Heimatfreunde in der Sudetendeutschen
Landsmannschaft, Ortsgruppe
Bitterfeld, mit Anni Wischner und
Elfriede Perz, die sich jedes Jahr hier einfinden.
Besonders begrüßt wurden die Gedenk- und Grußwortredner und die folgenden Mitwirkenden an der Gedenkstunde: Bundestagsabgeordneter und Bürgermeister von Deutschneudorf, Heinz Peter Haustein, Claus Hörrmann, Stellvertretender Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Helmut Seemann, Kreisbetreuer für Kaaden und Landschaftsbetreuer für das Erzgebirge-Saazerland sowie unser Heimatpfarrer Karl Brünnler und Pfarrer Michael Harzer aus Seiffen.
Herzlich begrüßt wurden
außerdem die Herren vom Anton-Günther-Chor,
Seiffen und der junge Trompeter Benjamin Harzer.
Des weiteren konnten auch
dieses Jahr wieder begrüßt
werden: Andreas Haustein, Bürgermeister
von Seiffen und Dietmar Hübler, Stellv. Heimatkreisbetreuer von Kaaden-Duppau
und Stellv. Landesobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Sachsen, sowie
Stanislav Ded, Museumsdirektor aus Komotau.
In ihrer Gedenkansprache
gedachte Hedwig Gemmrig der vielen Opfer, die nach Kriegsende durch die
tschechischen Horden unmenschliche Grausamkeiten erleiden mussten. Sie erinnerte
an die verschiedenen Kerker in Komotau und an den Todesmarsch der 8000 Männer
im Alter von 13 bis 65 Jahren, die nach den Massakern am Jahnspielplatz über
das Erzgebirge nach Deutschneudorf an die sächsische Grenze getrieben wurden,
wo sie drei Tage auf der Straße zubringen mußten und anschließend ins
tschechische Zwangsarbeitslager Maltheuern
für lange Zeit zur Zwangsarbeit gezwungen wurden.
Erinnert wurde an die
Landsleute, die in das Innere der Tschechei verschleppt und dort ebenfalls
Zwangsarbeit verrichten mussten.
Ebenso wurde auch an die
misshandelten und vergewaltigten Frauen und an die vielen Familien erinnert, die
aus Verzweiflung sich das Leben nahmen. Und wir gedachten der vielen Opfer der
Vertreibung, die an Entkräftung, Hunger und Krankheit sowie durch seelische
Schmerzen in der Folgezeit verstorben sind.
Hedwig Gemmrig weiter:
„Der tschechische Historiker Bohdan Chudoba schrieb in seinem Buch über die
1945 einsetzende neue Finsternis, daß die Vertreibung der Sudetendeutschen von
unmenschlicher Grausamkeit war, begleitet von Gewalttätigkeiten und
Massenhinrichtungen.
Der britisch-jüdische
Verleger Viktor Gollancz schrieb damals: „Sofern das Gewissen der Menschen
jemals wieder empfindlich werden sollte, werden diese Vertreibungen als die
unsterbliche Schande all derer im Gedächtnis bleiben, die sie veranlasst oder
sich damit abgefunden haben. Die
Deutschen wurden vertrieben, aber nicht einfach mit einem Mangel an übertriebener
Rücksichtnahme, sondern mit dem denkbar höchsten Maß an Brutalität.“
Darauf unsere Antwort:
„Wir haben uns mit dem uns zugefügten Unrecht nie abgefunden! (Beifall der
Zuhörer). Deshalb erinnern und
gedenken wir jedes Jahr an dieser Gedenkstätte unserer Opfer“.
Nach fast sieben
Jahrzehnten unserer Vertreibung könne in der Öffentlichkeit eine Aufarbeitung
des Kapitels „Flucht und Vertreibung“ endlich festgestellt werden. In Bayern
wird es künftig einen
Gedenktag für seinen vierten Stamm, die Sudetendeutschen, geben.
Auch die Bundesregierung will einen solchen Gedenktag einführen. Das heißt,
man setzt sich mit unserem Schicksal endlich auseinander! Das zeigt sich im
Museum „Flucht und Vertreibung“
in Berlin und im „Sudetendeutschen Museum“ in München, die jetzt
gebaut werden.
Es ist sehr wichtig, dass
in Zukunft unsere Geschichte ein fester Bestandteil im Gedächtnis unserer
Nachkommen bleibt. Daran müssen wir arbeiten und alle unterstützen, die unsere
Interessen vertreten.
Es hat sich auch einiges in
unserer alten Heimat in Tschechien getan. An dieser Stelle möchte ich
hervorheben, dass die erhoffte Annäherung zwischen Tschechen und Deutschen nach
der Wahl von Staatspräsident Milos Zeman wieder einen Dämpfer bekommen hat.
Bei seinem Auslandsbesuch vor einigen Wochen in Wien wiederholte er seine Worte
von 2002, dass die Sudetendeutschen froh sein müssten, nur vertrieben und nicht
- wie es Verrätern gebührt –
erschossen worden zu sein.
Nein, so kann man mit uns
nicht umgehen! (Beifall der Zuhörer).
Gott sei Dank gibt es auch
andere Tschechen! Ich nenn an
dieser Stelle zum Beispiel den Museumsdirektor von Komotau, Ing. Stanislav Ded.
Er hat schon lange den Geist der Zeit erkannt und handelt danach. Auch ihm ist
es zu verdanken, dass schon vor Jahren in Tschechien über unsere Vertreibung öffentlich
gesprochen wurde. Er bemüht sich um einen Ausgleich – und um gegenseitige
Versöhnung.
Dann fand die
Heimatkreisbetreuerin Worte des Dankes an die Spender und an die
Personen, die maßgeblich an die Errichtung der Gedenkstätte beteiligt
waren. Einer von Ihnen, Erhard Seemann, selbst Teilnehmer des Todesmarsches,
war krankheitsbedingt nicht anwesend. Er ließ alle Anwesenden
herzlich grüßen und wünschte eine würdige
Gedenkstunde anlässlich
des 10jährigen Bestehens der Gedenkstätte.
Bürgermeister
Peter Haustein berichtete in seinem
Grußwort von der
Bedeutung der Gedenkstätte für Deutschneudorf und für die Komotauer
Landsleute und wie es dazu kam: „ Vor 12 Jahren kam eine Abordnung
Komotauer Männer zu ihm und trugen den Wunsch vor,
eine Gedenkstätte für den Todesmarsch der Komotauer Männer 1945 zu
errichten. Ich muss gestehen, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt von den Vorgängen
an der Grenze vor 68 Jahren keine
Ahnung hatte, obwohl meine Tante aus Komotau stammte. In der damaligen DDR war
dies ein absolutes Tabuthema. Bereits ein Jahr später waren wir uns einig und
das Jahr darauf, 2003,
konnte die „Gedenkstätte 9. Juni 1945“
mit einer würdigen Feier eingeweiht werden.
Heute können wir auf ein zehnjähriges Jubiläum zurückblicken.“
Auch übermittelte er Erhard Seemann,
der damals im Arbeitskreis
zur Errichtung der Gedenkstätte federführend tätig war, herzliche Grüße. Seither
verbindet eine freundschaftliche
Beziehung Erhard Seemann und
Peter Haustein, den Deutschneudorfer Bürgermeister.
Erwähnt sei noch, dass die
Ereignisse um den Todesmarsch und die „Gedenkstätte
9. Juni 1945“ in der Chronik „375 Jahre Deutschneudorf“ aus dem Jahre 2012
als Teil von Deutschneudorf bekundet sind.
Rede von Klaus Hörrmann, Stv. Bundesvrsitzender der
Sudetendeutschen Landsmannschaft:
Liebe Landsleute aus Komotau und Umgebung,
Liebe Sudetendeutschen Freunde aus
Deutschland und der Tschechischen Republik,
wie in jedem Jahr so gedenken auch 2013 hier an diesem
historischen Platz nur ein paar Meter von der tschechischen Grenze entfernt Überlebende
des Komotauer Todesmarsches, mit ihren Angehörigen und Freunden der
Sudetendeutschen aus nah und fern ihrer Opfer.
Hier endete vor 68 Jahren vorläufig der Marsch von rund
8.000 Komotauer Männern, Jugendlichen und auch Kindern zwischen 13 und 65
Jahren. Sie waren blinder Rache ausgesetzt, unabhängig von persönlicher Schuld
und Verstrickungen. Von Tschechen zur Grenze getrieben, sollten den Russen übergeben
werden. Weil die eine Übernahme verweigerten, schleppten sich die gedemütigten,
rechtlos gewordenen Vertriebenen hinunter zu den Hydrierwerken nach Maltheuern
in die Zwangsarbeitslager. Dort mussten die geschwächten Männer, Jugendlichen
und Kinder, halb verhungert und in ständiger Todesangst für Monate und Jahre
schuften. Viele verschwanden dort für immer, ohne dass wir ihre Gräber bis
heute kennen. Und
obwohl diese historischen
Fakten oft genug dokumentiert und bekannt sind, spielen sie auch 2013 leider oft
nur als Fußnote in Bildungsplänen oder Schulbüchern eine Rolle oder werden
sie im Sinne politischer Korrektheit monokausal mit den nationalsozialistischen
Verbrechen in Zusammenhang gebracht.
Auch deshalb war die Ehrung des tschechischen Filmemachers David
Vondracek mit dem Menschenrechtspreis auf dem diesjährigen Sudetendeutschen Tag
ein gutes Signal und ein Dank an die tschechischen Freunde, die sich offen auch
den schmerzlichen und dunklen Punkten gemeinsamer deutsch-böhmischer, mährischer
und schlesischer Geschichte erinnern.
In der ehemaligen DDR verharmlosend als „Umsiedler“
bezeichnet und auch heute im wiedervereinten Deutschland oft noch im
freundschaftlichen Nachbarschaftsprozess als störend empfunden, verweigert das
offizielle Berlin bisher eine entsprechende gesamtdeutsche Würdigung der
Anliegen der Vertriebenen durch einen nationalen Gedenktag wie auch die Entschädigung
deutscher Zwangsarbeiter.
Dabei waren Vertreibung, Raub genauso wie das Verschleppen
von Frauen und Kindern zur Zwangsarbeit auch bereits 1945/46 Verbrechen und müssen
von einer zivilisieren - auf
gleichen Werten beruhenden - Völkergemeinschaft geächtet werden.
2003 noch in der Opposition hat sich die CDU vehement für
einen nationalen Gedenktag Vertriebener eingesetzt, 10 Jahre später verweigert
sie - auch aus Rücksicht auf die Außenbeziehungen und den Koalitionspartner -
den Vertriebenen dieses zutiefst moralische Ansinnen.
Aber was, so frage ich mich manchmal dann selbst ratlos, sind
denn diese freundschaftlichen Beziehungen wert, wenn man nicht
offen und ehrlich ohne Vorbehalte mit seinem Nachbarn und Freund über
das Unbequeme, das Trennende sprechen kann?
Parallelen zu den gegenwärtigen Problemen in der Europäischen
Union, dem „Fasteklat“ bei der gemeinsamen Ausstellungseröffnung geraubter
Beutekunst in Moskau durch Herrn Putin und Frau Merkel, oder den aktuellen
Irritationen nach dem Bekanntwerden der NSA-Überwachung Deutschlands und der EU
durch unseren transatlantischen Partner sind da wohl nicht zu übersehen.
Von Abraham Lincoln stammt der berühmte Satz, „dass nichts
geregelt ist, was nicht gerecht geregelt ist“. Auch nach mehr als 150 Jahren
hat diese Feststellung in ihrer Dimension nichts an Bedeutung verloren und
trifft auf die offenen Fragen zwischen Deutschland und
der Tschechischen Republik zu. Man kann eben nicht, um es einmal
vereinfacht darzustellen, erst in ein gemeinsames Haus einziehen und danach eine
Hausordnung erlassen wollen.
Liebe Landsleute, liebe Freunde,
verehrte Gäste der heutigen
Gedenkveranstaltung,
wenn wir nicht zuhören, wenn der andere uns von
seinem Leid und Schicksal erzählt, ihm vielleicht sogar noch unterstellen, dass
er übertreibt oder selbst die Schuld daran trage, weil er sich als Deutscher zu
seinen Wurzeln bekannt hat und seine ihm versprochenen Volksgruppenrechte
einforderte, dann wird er irgendwann aufhören zu reden.
Wir brauchen in einer offenen Gesellschaft eine schonungslose
Aufarbeitung gemeinsamer Geschichte und der dabei gemachten Fehler – eben die
ganze Wahrheit. Wir
wollen und wir dürfen nicht vergessen! Nicht, um gegenseitig aufzurechnen,
sondern weil eben nur die Anerkennung und das Bekennen von verübten Unrecht und
von Schuld zu einer wahrhaften Versöhnung führen kann.
Es
bleibt unser Auftrag als Nachgeborene und bekennende Sudetendeutsche, die
richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, somit eine echte Heilung der tragischen
Geschichte, die am Ende des 19. Jahrhunderts begann, zu ermöglichen - eine
Wiederherstellung des Rechts ohne das letztendlich immer wieder die
Gefahr des sich Wiederholens alter Fehler besteht.
Sie
als Überlebende schmerzt es natürlich besonders, dass in unserem Nachbarland
noch immer jene berüchtigten Dekrete existieren, die uns Sudetendeutsche in
Generalhaftung für vorangegangenes Unrecht
bis heute nehmen.
Innenminister Friedrich sieht dafür derzeit keine Mehrheiten.
Erinnern
wir Sie! Immer mehr Länder in Europa haben sehr deutliche Zeichen der Versöhnung
an die Heimatvertriebenen gesetzt:
Ungarn hat einen nationalen Gedenktag für die vertriebenen
Ungarndeutschen eingeführt, den Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert
als "eindrucksvolle Geste der Verständigung und Versöhnung" würdigte.
Serbien
hat ein Restitutions- und Rehabilitierungsgesetz mit dem Ziel der Entschädigung
der Donauschwaben beschlossen. Bis zu 350000
vertriebene Deutsche und ihre Erben können ebenso wie enteignete Serben, Ungarn
und Juden auf Eigentumsrückgabe hoffen. In einer Vertriebenenzeitschrift war in
diesem Zusammenhang „vom Wunder von Belgrad“ die Rede.
Auch in Rumänien hat sich viel bewegt. So hat der Rumänische Senat die
Gesetzesänderung zur Wiedergutmachung von Russlandverschleppten verabschiedet.
Das betrifft auch Menschen, die keine rumänische Staatsbürgerschaft mehr
besitzen
Es
sind eigentlich nur noch vier Staaten, die sich jeglicher Form der Aufarbeitung
dieses dunklen Kapitels verweigern: Russland gegenüber den Russlanddeutschen,
Polen und die Tschechische Republik gegenüber seinen ehemaligen deutschen
Mitbewohnern und der EU-Anwärter Türkei, in der die Vertreibung der Armenier
nicht einmal straffrei erwähnt werden darf.
Deshalb appellieren wir an alle Menschen
guten Willens und besonders auch an unsere Politiker sich weiter für die
universalen Menschenrechte auch der Vertriebenen einzusetzen und das nicht nur
als Versprechen vor den Wahlen.
Erinnern wir sie daran, dass die
massive Verharmlosung der Vertreibung oder die Leugnung der
Vertreibungsverbrechen darüber hinaus eine Verletzung von Artikel 20 dieses
UNO-Paktes darstellen kann Diese Verharmlosung ist aber zumindest eine
Verletzung von Artikel 17 dieses Paktes, der Beeinträchtigungen der Ehre und
des Rufes von Menschen verbietet.
Deshalb liebe Landsleute: Die
deutschen Vertriebenen und ihre Nachkommen dürfen keine Opfer zweiter Klasse
sein. Und darum bedeutet auch die anhaltende Diskriminierung der Vertriebenen in
Medien, in Schulbüchern und im politischen Dialog eine Verletzung
menschenrechtlicher Normen.
Wenn unlängst ein Sudetendeutscher
aus Lukau, als 13jähriger mit seiner Mutter, den Geschwistern und einer alten
Tante vertrieben, von der Bundesregierung diplomatischen Schutz einforderte,
damit diese auf die Tschechische Republik einwirkt, um ein
Rehabilitierungsgesetz auch in auf den Weg zu bringen, so ist das ein
berechtigtes menschenrechtlich verbrieftes Anliegen.
Wenn das Berliner Außenministerium
diesen Schutz eines Deutschen mit der Begründung verweigert, dass damit die übergeordnete
deutsch-tschechische Freundschaft erschüttert werden könnte, dann ist das
unverständlich.
Wie kann ein 13järiges Kind Schuld
auf sich geladen haben, die ihm niemand mehr abnehmen will? Auch hier gilt
meines Erachtens, dass Freundschaft doch wohl auf gemeinsamen Werten und
gegenseitigem Verstehenwollen beruht.
Der so hoffnungsvolle Dialog
zwischen unseren beiden Staaten Deutschland und Tschechien hat mit dem Besuch
des inzwischen zurückgetretenen Ministerpräsidenten Petr Necas im Bayrischen
Landtag eine bisher nie gehabte Dimension erreicht.
Ich habe seinerzeit die direkte
Ansprache des Premiers in München miterlebt und ausdrücklich auch gewürdigt.
Zugleich habe ich ebenso betont, dass die gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte
ein steiniger Weg bleibt, die Heilung des Unrechts noch nicht bewältigt ist.
Damit wollte ich nicht Kassandra spielen, die ja bekanntlich Recht behielt, aber
bei aller Freude über das Erreichte weiter mahnen in unseren Bemühungen nicht
nachzulassen oder sich gar im Taumel der Gefühle auf Erreichtes zurückzuziehen!
Unsere Hand bleibt ausgestreckt und
wir wollen den direkten Dialog - einen Dialog allerdings der auf Augenhöhe
gleichberechtigt und ohne Tabus erfolgen muss und bei dem eben keine Themen von
vornherein ausgegrenzt werden dürfen.
Bei der jüngsten Festveranstaltung
zum 15jährigen Jubiläums des Deutsch-tschechischen Zukunftsfond wurde ich als
einer der drei Stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Sudetendeutschen
Landsmannschaft aus Bayern, Hessen und Sachsen allerdings ernüchternd eines
Besseren belehrt.
Wenn
der ehemalige tschechischer Senatspräsident Pithart dort feststellte, dass auf
deutscher Seite durchaus noch ein gewisser Nachholbedarf bestehe und auch
Schluss sein müsse mit den immer wieder vorgebrachten „sudetendeutschen“
Emotionen, weil für manche Tschechen Bezeichnungen wie „Sudetendeutsche
Landsmannschaft“ geradezu „feindlich“ klängen. Deshalb sollten die
ehemaligen deutschen Mitbürger in der damaligen Tschechoslowakei auch nicht in
eine Zwangszugehörigkeit als „Sudetendeutsche“ einbezogen werden, dann
waren wir als geladene Gäste der Veranstaltung in Prag schon erstaunt. Denn
nach den spürbaren Annäherungen zwischen Tschechen und Sudetendeutschen in den
letzten Jahren, zu denen unsere Sudetendeutsche Landsmannschaft ja nicht
unerheblich beigetragen hat, kann man diese Einschätzungen des tschechischen
Politikers Pithart wirklich als „von gestern“ bezeichnen.
Wie ermutigend, dass es parallel dazu Menschen wie bei „Antikomplex“
gibt, die dabei durchaus eine kritischere tschechische Aufarbeitung der jüngeren nationalen Geschichte vornehmen.
Es sind Gott sei Dank immer mehr junge Menschen aus der Tschechischen Republik,
die unverkrampfter offen die Fragen stellen:
·
Wo sind unsere deutschen Nachbarn? Wem
gehörten die Häuser vorher und warum stehen viele leer und verfallen?
Die Wunden, die der Nationalismus und Hass auf den Anderen in ganz Europa
hinterlassen hat, sind weitgehend schon vernarbt. Aber sie sind insbesondere
auch bei unseren tschechischen Nachbarn nicht nur mit Euro zu heilen, sondern
mit der Bereitschaft ehrlich miteinander umzugehen.
Das bedeutet auch, nach Abschluss von Restaurierungen zweisprachige
eindeutige Beschriftungen an Kirchen, Denkmälern und Mahnmalen zu wählen und
nicht allgemein von Opfern, Gewalt und Unrecht zur reden. Die nächste
Generation kann mit derart allgemeinen Aussagen nicht viel anfangen und hat ein
Recht darauf, es genauer zu erfahren.
VERGESSEN
wir unsere Heimatverbliebenen nicht! Denn wer sich um seine Heimat bzw. die
seiner Eltern und Großeltern kümmert, der wird sich ganz sicher auch um seine
neue Heimat vor Ort bemühen!
Wir
werden uns auch weiter für den Erhalt unserer deutschböhmischen Heimat
einsetzen.
Die Vertriebenen
identifizieren sich noch immer mit ihrer Heimat und leisten enorm viel für die
Erhaltung kultureller Zeugnisse ihrer Vorfahren. Und so manche kommunale Behörde
verspürt ganz direkt die dauerhafte Beschädigung und die Verluste, die die
Grenzregion durch die gewaltsame Entvölkerung genommen hat.
Wir brauchen verlässliche starke
Signale für uns als Vertriebenen, ihre Kinder und Enkelkinder von offizieller
Politik. Es ist eine Frage von Menschlichkeit und Gerechtigkeit, dass sich in
Berlin da etwas mehr bewegt und es ist bereits 5 nach 12 dafür!
Ich wünschte mir auch von sächsischen
Politikern und unserem Ministerpräsidenten klare Worte und Zeichen:
Liebe Teilnehmer der heutigen
Gedenkveranstaltung,
die Pflege unserer Kultur und
unseres Brauchtums, die wir an unsere Kinder und Enkel weitergeben trägt mit
dazu bei, dass der Heimatgedanke auch weitergetragen wird. Das ist gut so!
Dass auch 68 Jahre nach dem verübten
Verbrechen und dem uns zugefügten Leid noch immer so viele Menschen an dieser
Gedenkfeier in Deutschneuendorf teilnehmen lässt hoffen. Nutzen wir das und
tragen wir es in die Zukunft!
Überlassen wir unsere Geschichte
nicht nur Historikern, sondern erzählen wir sie unseren Kindern und
insbesondere Enkeln, die zunehmend ein offeneres Ohr für unsere Themen haben.
Bauen wir auf unsere Kultur und unsere
positiven Erfahrungen im Miteinander mit unseren tschechischen Nachbarn!
Schlagen wir weiterhin die Brücken nach Tschechien, auch wenn noch nicht jeder
dort unsere ausgestreckte Hand entgegennimmt.
Der große französische Erzähler
und Philosoph Voltaire formulierte einmal vor über 300 Jahren: „Ich mag
verdammen was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es
sagen darfst.“ In diesem Sinne lassen sie uns verlässliche, treue und
kritische Mitgestalter und Wegbegleiter unserer gemeinsamen deutschböhmischen
Heimat bleiben.
Herzlichen Dank für Ihre
Aufmerksamkeit!
Claus Hörrmann
Stell. Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen
Landsmannschaft
Deutschneudorf, den 06.07.2013
Pfarrer
Michael Harzer
sprach
folgende Worte zum Gedenken:
Meine lieben Heimatfreunde,
mit ganzem Herzen bin ich Erzgebirger und dabei gehört für
mich die böhmische Seite ganz fest zu meiner Heimat dazu. Ich bestaune die
wunderschöne Landschaft mit den Bergen und Tälern, den Dörfern und Städtchen
und mit den weiten Ausblicken ins Böhmische Becken hinunter. Meine Liebe zum böhmischen
Erzgebirge mag dabei mit meiner
Familiengeschichte zusammenhängen, ist doch mein Urgroßvater in Böhmisch
Reitzenhain geboren und lebten doch seine Vorfahren über Generationen in Böhmisch
Reitzenhain, Natschung, Neudorf bei
Sebastiansberg und teilweise in Komotau-Oberdorf.
An so manchem Sonntag führten mich schon Ausflüge mit
meiner Familie hinunter nach Komotau in den Zoo und an den Alaunsee. Wenn wir
dann den bewaldeten Berghang wieder hinauf auf den Kamm des Erzgebirges fahren,
dann wird in mir auch die Erinnerung an jene furchtbaren Ereignisse vom Juni
1945 wach, als all die vielen Komotauer in Todesangst von entmenschten Schergen
den Berg herauf getrieben wurden.
Wer auch nur eine Ahnung vom Glauben in sich trägt, der
fragt angesichts solchen Leidens unschuldiger Menschen automatisch: Gott, wo
warst du damals? Warum diese Schrecken, dieses furchtbare und sinnlose Leid? Gefährlich
ist es, darauf schnelle, billige
Antworten zu finden. Genau so gefährlich aber ist es zu sagen: Gott gibt es
nicht, weil dieses Leid geschehen ist.
Hilfreich geworden ist mir bei diesen Fragen aber zweierlei:
Zum einen das, was mir ein Vater sagte, der einen Sohn durch einen tragischen
Unfall verloren hatte. Er sagte mir: „Ich stand danach oft in der Versuchung,
meinen Glauben wegzuwerfen. Aber dann wurde mir klar: Wenn es eine Chance gibt,
irgendwann einmal eine Erklärung auf die verzweifelten Warum-Fragen
zu bekommen, dann nur, wenn ich an Gott festhalte. Dann werde ich, wenn
ich einmal Gott persönlich gegenüberstehe, ihm diese Fragen stellen können
und eine Antwort bekommen“.
Das zweite: Immer wenn ich in der Fastenzeit mit meinen Schülern
der Klasse 11 die Stationen des Führich-Kreuzweges betrachte, auf den durch die
Straßen von Jerusalem getriebenen Schmerzensmann Jesus-Christus schaue, dann fällt
mein Blick auch auf die
geschlagenen, getriebenen und getöteten Komotauer Männer.
Und ich bin gewiss: Überall, wo Menschen unschuldig leiden, wo Menschen
entehrt, gefoltert und getötet werden, da ist Christus dabei,
da leidet Christus selber mit.
Weil Christus aber nun nicht im Leiden, am Kreuz und im Grab
geblieben ist, weil er der Auferstandene ist, deshalb steht über allem Leid
dieser Welt, auch über dem Komotauer Todesmarsch die Hoffnung der Auferstehung
und damit der Gerechtigkeit. Auch für die Opfer von damals. Auch für uns gilt
die Zusage, die uns Christus gegeben hat und die mich seit meiner Taufe vor über
45 Jahren durchs Leben begleitet. Christus spricht: „Ich lebe und ihr sollt
auch leben.“
Ich wünsche Ihnen allen und ich wünsche allen Menschen
gerade auch auf beiden Seiten des Erzgebirgskammes diese Gewissheit. Wo sie wächst,
da ist Leben und Zukunft – schon hier und heute.
Unser Komotauer Heimatpfarrer
Karl Brünnler, seit Jahren
Mitwirkender bei den Gedenkveranstaltungen,
hat in diesem Jahr Herrn Pfarrer Harzer das geistliche Wort zum Gedenken an die Opfer übertragen. Gemeinsam mit den Anwesenden haben die beiden Pfarrer
dann das „Vater unser“ gebetet.
Anschließend wurde der Segen erteil, worauf sich eine andächtige Stille über die Gedenkstätte legte.
Die Gedenkveranstaltung
wurde wieder durch den Anton–Günther-Chor
musikalisch mit vier Anton-Günther- Liedern umrahmt.
Benjamin Harzer, Sohn von Pfarrer Harzer, brachte das Trompetensolo
„Ich hat’ einen Kameraden“.
Bei himmlischem
Wetter neigte sich die Gedenkstunde dem Ende zu. Otto Schindler, stellv. Vorstand, sprach das Schlußwort und bedankte sich bei allen Anwesenden
für ihr Kommen. Allen Mitwirkenden
an der Gedenkstunde galt ein
herzliches Dankeschön. Mit dem
Wunsch für eine gute Heimreise und ein gesundes
Wiedersehen fand die Gedenkstunde ihren
Abschluss.
Für ein heimatliches Zusammensein trafen sich
Landsleute mit Pfarrer Brünnler und dem Vorstand
des Fördervereins im „Hotel zum Einsiedler“ in Deutscheinsiedel zu
Kaffee und Kuchen. Am
folgenden Sonntag sahen sich viele Landsleute wieder bei der
Wallfahrt in Quinau.
Zum Schluss auch ein herzliches Danke an alle Spender, die an
der Gedenkstätte Blumen und Kränze niedergelegt haben.
Hedwig Gemmrig-Helmich
![]() Landsleute und Gäste versammeln sich... |
...zum Gedenken an die Opfer |
![]() Heimatkreisbetreuerin Hedwig Gemmrig bei der Begrüßung |
![]() Bürgermeister und Bundestagsabgeordneter Peter Haustein bei seinem Grußwort |
![]() Gedenkredner Claus Hörrmann, stv. Bundesvorsitzender der SL |
![]() Grußwort von Helmut Seemann, Landschaftsbetreuer Erzgebirge- Saazerland |
![]() Ehrengäste v.l. Pfarrer Brünnler, Pfarrer Harzer, Claus Hörrmann, Helmut Seemann |
![]() V.l. Helmut Seemann, Otto Schindler, Hedwig Gemmrig, Bürgermeister Andreas Haustein,Seiffen und Bürgermeister Peter Haustein, Deutschneudorf |
![]() Landsleute und Gäste |
![]() Landsleute und Gäste |
![]() Landleute und Gäste |
![]() Landsleute. Vorne Hans Hoyer, Hedl Schindler, Frau und Herr Děd |
![]() An der Gedenkstätte |
![]() Gedenken der Landsleute |
![]() V.l. Pfarrer Karl Brünnler und Pfarrer Michael Harzer |
![]() Trompetensolo Benjamin Harzer |
![]() V.l. Bürgermeister Andreas Haustein, Seiffen, Bürgermeister Peter Haustein Deutschneudorf, Otto Schindler und Hedwig Gemmrig beim Totengedenken |
![]() Otto Schindler, stv. Vorsitzender des Fördervereins, beim Schluß- und Dankeswort |
![]() V.l. Helmut Mürling, Herbert Marsch, Helmut Seemann, Dietmar Hübler |
![]() V.l. Pfarrer Brünnler, Herbert Marsch, Claus Hörrmann. Bgm. Haustein, Deutschneudorf, Hedwig Gemmrig, Bgm Haustein,Seiffen, Helmut Seemann |
![]() Bürgermeister Peter Haustein und Bürgermeister Andreas Haustein im Gespräch mit Steffen Ulbricht von der Presse |
![]() Bürgermeister Peter Haustein, Förderverein Vorsitzende Hedwig Gemmrig und Bürgermeister Andreas Haustein |
![]() Hinten rechts: Christian Reichelt, Hüter der Gedenkstätte |
![]() André Seifert hat wieder für die gute Tontechnik gesorgt |
![]() Alice Parthe, Hedl Hurnik, Paula Luft, Edeltraud Kretschmar |
![]() Die Schwestern Elfriede Perz und Anni Wischner von der SL Bitterfeld |
![]() Blumenschale von Heimatkreis und Förderverein |
Blumenschale Sudetendeutsche Landsmannschaft Kreisgruppe Bitterfeld |
![]() Kranz VEBW |
![]() Kranz vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge |
Der Anton Günther- Chor, Seiffen umrahmte die Gedenkfeier musikalisch Video |
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WIR DANKEN ALLEN, DIE BLUMEN BEI UNS NIEDERGELEGT HABEN
Heimatkreis Komotau
Förderverein Mittleres Erzgebirge-
Komotauer Land e.V.
Fotografiert haben Hedwig Gemmrig, Herbert Marsch, Helmut Mürling
Pressebericht Sudetendeutsche Zeitung