1320 Opfergedenken 2013 in Deutschneudorf

am 6.7.2013

Programm

Bericht in der Komotauer Zeitung Folge 9, Sept. 2013

10 Jahre Gedenken für die Opfer

Am 6. Juli 2013  gedachten über 120  Komotauer Landsleute und zahlreiche Gäste an der „Gedenkstätte 9. Juni 1945“ in Deutschneudorf im sächsischen Erzgebirge der Opfer des Todesmarsches und der Vertreibung.

Die Heimatkreisbetreuerin und Vorsitzende des Fördervereins Mittleres Erzgebirge – Komotauer Land e.V.,  Hedwig Gemmrig, begrüßte alle Landsleute und Gäst, darunter auch  die  in der Heimat verbliebenen Landsleute und die Heimatfreunde in der Sudetendeutschen Landsmannschaft,  Ortsgruppe Bitterfeld,  mit Anni Wischner und Elfriede Perz, die sich jedes Jahr hier einfinden.

Besonders begrüßt wurden die Gedenk- und Grußwortredner und die folgenden  Mitwirkenden an der Gedenkstunde:  Bundestagsabgeordneter und Bürgermeister von Deutschneudorf, Heinz Peter Haustein,  Claus Hörrmann, Stellvertretender Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Helmut Seemann, Kreisbetreuer für Kaaden und Landschaftsbetreuer für das Erzgebirge-Saazerland sowie unser Heimatpfarrer Karl Brünnler und Pfarrer Michael Harzer aus Seiffen.

Herzlich begrüßt wurden außerdem die Herren vom Anton-Günther-Chor,  Seiffen und der junge Trompeter Benjamin Harzer.

Des weiteren konnten auch dieses Jahr  wieder begrüßt werden:  Andreas Haustein, Bürgermeister von Seiffen und Dietmar Hübler, Stellv. Heimatkreisbetreuer von Kaaden-Duppau und Stellv. Landesobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Sachsen, sowie Stanislav Ded, Museumsdirektor aus Komotau.

In ihrer Gedenkansprache gedachte Hedwig Gemmrig der vielen Opfer, die nach Kriegsende durch die tschechischen Horden unmenschliche Grausamkeiten erleiden mussten. Sie erinnerte an die verschiedenen Kerker in Komotau und an den Todesmarsch der 8000 Männer im Alter von 13 bis 65 Jahren, die nach den Massakern am Jahnspielplatz über das Erzgebirge nach Deutschneudorf an die sächsische Grenze getrieben wurden, wo sie drei Tage auf der Straße zubringen mußten und anschließend ins tschechische Zwangsarbeitslager Maltheuern  für lange Zeit zur Zwangsarbeit gezwungen wurden.

Erinnert wurde an die Landsleute, die in das Innere der Tschechei verschleppt und dort ebenfalls Zwangsarbeit verrichten mussten.

Ebenso wurde auch an die misshandelten und vergewaltigten Frauen und an die vielen Familien erinnert, die aus Verzweiflung sich das Leben nahmen. Und wir gedachten der vielen Opfer der Vertreibung, die an Entkräftung, Hunger und Krankheit sowie durch seelische Schmerzen in der Folgezeit verstorben sind.

Hedwig Gemmrig weiter: „Der tschechische Historiker Bohdan Chudoba schrieb in seinem Buch über die 1945 einsetzende neue Finsternis, daß die Vertreibung der Sudetendeutschen von unmenschlicher Grausamkeit war, begleitet von Gewalttätigkeiten und Massenhinrichtungen.

Der britisch-jüdische Verleger Viktor Gollancz schrieb damals: „Sofern das Gewissen der Menschen jemals wieder empfindlich werden sollte, werden diese Vertreibungen als die unsterbliche Schande all derer im Gedächtnis bleiben, die sie veranlasst oder sich damit abgefunden haben.  Die Deutschen wurden vertrieben, aber nicht einfach mit einem Mangel an übertriebener Rücksichtnahme, sondern mit dem denkbar höchsten Maß an Brutalität.“

Darauf unsere Antwort: „Wir haben uns mit dem uns zugefügten Unrecht nie abgefunden! (Beifall der Zuhörer).  Deshalb erinnern und gedenken wir jedes Jahr an dieser Gedenkstätte unserer Opfer“.

Nach fast sieben Jahrzehnten unserer Vertreibung könne in der Öffentlichkeit eine Aufarbeitung des Kapitels „Flucht und Vertreibung“ endlich festgestellt werden. In Bayern

wird es künftig einen Gedenktag für seinen vierten Stamm, die Sudetendeutschen, geben.     Auch die Bundesregierung will einen solchen Gedenktag einführen. Das heißt, man setzt sich mit unserem Schicksal endlich auseinander! Das zeigt sich im Museum  „Flucht und Vertreibung“  in Berlin und im „Sudetendeutschen Museum“ in München, die jetzt gebaut werden.

Es ist sehr wichtig, dass in Zukunft unsere Geschichte ein fester Bestandteil im Gedächtnis unserer Nachkommen bleibt. Daran müssen wir arbeiten und alle unterstützen, die unsere Interessen vertreten.

Es hat sich auch einiges in unserer alten Heimat in Tschechien getan. An dieser Stelle möchte ich hervorheben, dass die erhoffte Annäherung zwischen Tschechen und Deutschen nach der Wahl von Staatspräsident Milos Zeman wieder einen Dämpfer bekommen hat. Bei seinem Auslandsbesuch vor einigen Wochen in Wien wiederholte er seine Worte von 2002, dass die Sudetendeutschen froh sein müssten, nur vertrieben und nicht -  wie es Verrätern gebührt – erschossen worden zu sein.

Nein, so kann man mit uns nicht umgehen! (Beifall der Zuhörer).

Gott sei Dank gibt es auch andere Tschechen!  Ich nenn an dieser Stelle zum Beispiel den Museumsdirektor von Komotau, Ing. Stanislav Ded. Er hat schon lange den Geist der Zeit erkannt und handelt danach. Auch ihm ist es zu verdanken, dass schon vor Jahren in Tschechien über unsere Vertreibung öffentlich gesprochen wurde. Er bemüht sich um einen Ausgleich – und um gegenseitige Versöhnung.

Dann fand die Heimatkreisbetreuerin Worte des Dankes an die Spender und an die  Personen, die maßgeblich an die Errichtung der Gedenkstätte beteiligt waren. Einer von Ihnen, Erhard Seemann, selbst Teilnehmer des Todesmarsches,  war krankheitsbedingt nicht anwesend. Er ließ alle Anwesenden  herzlich grüßen und wünschte eine würdige

Gedenkstunde anlässlich des 10jährigen Bestehens der Gedenkstätte.

Bürgermeister Peter Haustein berichtete in seinem Grußwort  von der  Bedeutung der Gedenkstätte für Deutschneudorf und für die Komotauer Landsleute und wie es dazu kam: „ Vor 12 Jahren kam eine Abordnung  Komotauer Männer zu ihm und trugen den Wunsch vor,  eine Gedenkstätte für den Todesmarsch der Komotauer Männer 1945 zu errichten. Ich muss gestehen, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt von den Vorgängen an der Grenze vor 68 Jahren  keine Ahnung hatte, obwohl meine Tante aus Komotau stammte. In der damaligen DDR war dies ein absolutes Tabuthema. Bereits ein Jahr später waren wir uns einig und das Jahr  darauf,  2003,  konnte die „Gedenkstätte 9. Juni 1945“  mit einer würdigen Feier eingeweiht werden.  Heute können wir auf ein zehnjähriges Jubiläum zurückblicken.“  Auch übermittelte er Erhard Seemann,  der damals  im Arbeitskreis zur Errichtung der Gedenkstätte federführend tätig war,  herzliche Grüße.  Seither verbindet eine  freundschaftliche Beziehung Erhard Seemann  und  Peter Haustein, den Deutschneudorfer Bürgermeister.

Erwähnt sei noch, dass die Ereignisse um den Todesmarsch und die  „Gedenkstätte 9. Juni 1945“ in der Chronik „375 Jahre Deutschneudorf“ aus dem Jahre 2012 als Teil von Deutschneudorf bekundet sind.

 

Rede von Klaus Hörrmann, Stv. Bundesvrsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft:

Liebe Landsleute aus Komotau und Umgebung,

Liebe Sudetendeutschen Freunde aus Deutschland und der Tschechischen Republik, verehrte Gäste,

wie in jedem Jahr so gedenken auch 2013 hier an diesem historischen Platz nur ein paar Meter von der tschechischen Grenze entfernt Überlebende des Komotauer Todesmarsches, mit ihren Angehörigen und Freunden der Sudetendeutschen aus nah und fern ihrer Opfer.

Hier endete vor 68 Jahren vorläufig der Marsch von rund 8.000 Komotauer Männern, Jugendlichen und auch Kindern zwischen 13 und 65 Jahren. Sie waren blinder Rache ausgesetzt, unabhängig von persönlicher Schuld und Verstrickungen. Von Tschechen zur Grenze getrieben, sollten den Russen übergeben werden. Weil die eine Übernahme verweigerten, schleppten sich die gedemütigten, rechtlos gewordenen Vertriebenen hinunter zu den Hydrierwerken nach Maltheuern in die Zwangsarbeitslager. Dort mussten die geschwächten Männer, Jugendlichen und Kinder, halb verhungert und in ständiger Todesangst für Monate und Jahre schuften. Viele verschwanden dort für immer, ohne dass wir ihre Gräber bis heute kennen. Und obwohl diese historischen Fakten oft genug dokumentiert und bekannt sind, spielen sie auch 2013 leider oft nur als Fußnote in Bildungsplänen oder Schulbüchern eine Rolle oder werden sie im Sinne politischer Korrektheit monokausal mit den nationalsozialistischen Verbrechen in Zusammenhang gebracht.

Auch deshalb war die Ehrung des tschechischen Filmemachers David Vondracek mit dem Menschenrechtspreis auf dem diesjährigen Sudetendeutschen Tag ein gutes Signal und ein Dank an die tschechischen Freunde, die sich offen auch den schmerzlichen und dunklen Punkten gemeinsamer deutsch-böhmischer, mährischer und schlesischer Geschichte erinnern.

In der ehemaligen DDR verharmlosend als „Umsiedler“ bezeichnet und auch heute im wiedervereinten Deutschland oft noch im freundschaftlichen Nachbarschaftsprozess als störend empfunden, verweigert das offizielle Berlin bisher eine entsprechende gesamtdeutsche Würdigung der Anliegen der Vertriebenen durch einen nationalen Gedenktag wie auch die Entschädigung deutscher Zwangsarbeiter.

Dabei waren Vertreibung, Raub genauso wie das Verschleppen von Frauen und Kindern zur Zwangsarbeit auch bereits 1945/46 Verbrechen und müssen von einer zivilisieren  - auf gleichen Werten beruhenden - Völkergemeinschaft geächtet werden.

2003 noch in der Opposition hat sich die CDU vehement für einen nationalen Gedenktag Vertriebener eingesetzt, 10 Jahre später verweigert sie - auch aus Rücksicht auf die Außenbeziehungen und den Koalitionspartner - den Vertriebenen dieses zutiefst moralische Ansinnen.

Aber was, so frage ich mich manchmal dann selbst ratlos, sind denn diese freundschaftlichen Beziehungen wert, wenn man nicht  offen und ehrlich ohne Vorbehalte mit seinem Nachbarn und Freund über das Unbequeme, das Trennende sprechen kann?

Parallelen zu den gegenwärtigen Problemen in der Europäischen Union, dem „Fasteklat“ bei der gemeinsamen Ausstellungseröffnung geraubter Beutekunst in Moskau durch Herrn Putin und Frau Merkel, oder den aktuellen Irritationen nach dem Bekanntwerden der NSA-Überwachung Deutschlands und der EU durch unseren transatlantischen Partner sind da wohl nicht zu übersehen.

Von Abraham Lincoln stammt der berühmte Satz, „dass nichts geregelt ist, was nicht gerecht geregelt ist“. Auch nach mehr als 150 Jahren hat diese Feststellung in ihrer Dimension nichts an Bedeutung verloren und trifft auf die offenen Fragen zwischen Deutschland und  der Tschechischen Republik zu. Man kann eben nicht, um es einmal vereinfacht darzustellen, erst in ein gemeinsames Haus einziehen und danach eine Hausordnung erlassen wollen.

Liebe Landsleute, liebe Freunde,

verehrte Gäste der heutigen Gedenkveranstaltung,

wenn wir nicht zuhören, wenn der andere uns von seinem Leid und Schicksal erzählt, ihm vielleicht sogar noch unterstellen, dass er übertreibt oder selbst die Schuld daran trage, weil er sich als Deutscher zu seinen Wurzeln bekannt hat und seine ihm versprochenen Volksgruppenrechte einforderte, dann wird er irgendwann aufhören zu reden.

Wir brauchen in einer offenen Gesellschaft eine schonungslose Aufarbeitung gemeinsamer Geschichte und der dabei gemachten Fehler – eben die ganze Wahrheit. Wir wollen und wir dürfen nicht vergessen! Nicht, um gegenseitig aufzurechnen, sondern weil eben nur die Anerkennung und das Bekennen von verübten Unrecht und von Schuld zu einer wahrhaften Versöhnung führen kann.

Es bleibt unser Auftrag als Nachgeborene und bekennende Sudetendeutsche, die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, somit eine echte Heilung der tragischen Geschichte, die am Ende des 19. Jahrhunderts begann, zu ermöglichen - eine Wiederherstellung des Rechts ohne das letztendlich immer wieder die Gefahr des sich Wiederholens alter Fehler besteht.

Sie als Überlebende schmerzt es natürlich besonders, dass in unserem Nachbarland noch immer jene berüchtigten Dekrete existieren, die uns Sudetendeutsche in Generalhaftung für vorangegangenes Unrecht  bis heute nehmen. Nutzen wir unsere Chance als mündige Staatsbürger und Wähler und messen wir unsere Abgeordneten und Kandidaten für die Parlamente jetzt insbesondere daran, wie Sie unsere Themen und Fragen aufgreifen! Das Schirmland der Sudetendeutschen Bayern hat für 2014 einen Gedenktag für Heimatvertriebene eingeführt und fordert zu Recht die anderen auf, dies auf Deutschland zu übertragen.

Innenminister Friedrich sieht dafür derzeit keine Mehrheiten. Aber, liebe Landsleute, dann muss man eben weiter um solche Mehrheiten ringen und was hindert uns, nicht entschiedener als bisher, die Einführung eines solchen Gedenktages von der Regierung unseres Freistaat Sachsen anzumahnen?  

Erinnern wir Sie! Immer mehr Länder in Europa haben sehr deutliche Zeichen der Versöhnung an die Heimatvertriebenen gesetzt:

Ungarn hat einen nationalen Gedenktag für die vertriebenen Ungarndeutschen eingeführt, den Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert als "eindrucksvolle Geste der Verständigung und Versöhnung" würdigte.

Serbien hat ein Restitutions- und Rehabilitierungsgesetz mit dem Ziel der Entschädigung der Donauschwaben beschlossen. Bis zu 350000 vertriebene Deutsche und ihre Erben können ebenso wie enteignete Serben, Ungarn und Juden auf Eigentumsrückgabe hoffen. In einer Vertriebenenzeitschrift war in diesem Zusammenhang „vom Wunder von Belgrad“ die Rede.

Auch in Rumänien hat sich viel bewegt. So hat der Rumänische Senat die Gesetzesänderung zur Wiedergutmachung von Russlandverschleppten verabschiedet. Das betrifft auch Menschen, die keine rumänische Staatsbürgerschaft mehr besitzen

Es sind eigentlich nur noch vier Staaten, die sich jeglicher Form der Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels verweigern: Russland gegenüber den Russlanddeutschen, Polen und die Tschechische Republik gegenüber seinen ehemaligen deutschen Mitbewohnern und der EU-Anwärter Türkei, in der die Vertreibung der Armenier nicht einmal straffrei erwähnt werden darf.

Deshalb appellieren wir an alle Menschen guten Willens und besonders auch an unsere Politiker sich weiter für die universalen Menschenrechte auch der Vertriebenen einzusetzen und das nicht nur als Versprechen vor den Wahlen.

Erinnern wir sie daran, dass die massive Verharmlosung der Vertreibung oder die Leugnung der Vertreibungsverbrechen darüber hinaus eine Verletzung von Artikel 20 dieses UNO-Paktes darstellen kann Diese Verharmlosung ist aber zumindest eine Verletzung von Artikel 17 dieses Paktes, der Beeinträchtigungen der Ehre und des Rufes von Menschen verbietet.

Deshalb liebe Landsleute: Die deutschen Vertriebenen und ihre Nachkommen dürfen keine Opfer zweiter Klasse sein. Und darum bedeutet auch die anhaltende Diskriminierung der Vertriebenen in Medien, in Schulbüchern und im politischen Dialog eine Verletzung menschenrechtlicher Normen.

Wenn unlängst ein Sudetendeutscher aus Lukau, als 13jähriger mit seiner Mutter, den Geschwistern und einer alten Tante vertrieben, von der Bundesregierung diplomatischen Schutz einforderte, damit diese auf die Tschechische Republik einwirkt, um ein Rehabilitierungsgesetz auch in auf den Weg zu bringen, so ist das ein berechtigtes menschenrechtlich verbrieftes Anliegen.

Wenn das Berliner Außenministerium diesen Schutz eines Deutschen mit der Begründung verweigert, dass damit die übergeordnete deutsch-tschechische Freundschaft erschüttert werden könnte, dann ist das unverständlich.

Wie kann ein 13järiges Kind Schuld auf sich geladen haben, die ihm niemand mehr abnehmen will? Auch hier gilt meines Erachtens, dass Freundschaft doch wohl auf gemeinsamen Werten und gegenseitigem Verstehenwollen beruht.

Der so hoffnungsvolle Dialog zwischen unseren beiden Staaten Deutschland und Tschechien hat mit dem Besuch des inzwischen zurückgetretenen Ministerpräsidenten Petr Necas im Bayrischen Landtag eine bisher nie gehabte Dimension erreicht.

Ich habe seinerzeit die direkte Ansprache des Premiers in München miterlebt und ausdrücklich auch gewürdigt. Zugleich habe ich ebenso betont, dass die gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte ein steiniger Weg bleibt, die Heilung des Unrechts noch nicht bewältigt ist. Damit wollte ich nicht Kassandra spielen, die ja bekanntlich Recht behielt, aber bei aller Freude über das Erreichte weiter mahnen in unseren Bemühungen nicht nachzulassen oder sich gar im Taumel der Gefühle auf Erreichtes zurückzuziehen!

Unsere Hand bleibt ausgestreckt und wir wollen den direkten Dialog - einen Dialog allerdings der auf Augenhöhe gleichberechtigt und ohne Tabus erfolgen muss und bei dem eben keine Themen von vornherein ausgegrenzt werden dürfen.

Bei der jüngsten Festveranstaltung zum 15jährigen Jubiläums des Deutsch-tschechischen Zukunftsfond wurde ich als einer der drei Stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Sudetendeutschen Landsmannschaft aus Bayern, Hessen und Sachsen allerdings ernüchternd eines Besseren belehrt.

Wenn der ehemalige tschechischer Senatspräsident Pithart dort feststellte, dass auf deutscher Seite durchaus noch ein gewisser Nachholbedarf bestehe und auch Schluss sein müsse mit den immer wieder vorgebrachten „sudetendeutschen“ Emotionen, weil für manche Tschechen Bezeichnungen wie „Sudetendeutsche Landsmannschaft“ geradezu „feindlich“ klängen. Deshalb sollten die ehemaligen deutschen Mitbürger in der damaligen Tschechoslowakei auch nicht in eine Zwangszugehörigkeit als „Sudetendeutsche“ einbezogen werden, dann waren wir als geladene Gäste der Veranstaltung in Prag schon erstaunt. Denn nach den spürbaren Annäherungen zwischen Tschechen und Sudetendeutschen in den letzten Jahren, zu denen unsere Sudetendeutsche Landsmannschaft ja nicht unerheblich beigetragen hat, kann man diese Einschätzungen des tschechischen Politikers Pithart wirklich als „von gestern“ bezeichnen. „Wir lassen uns unsere Identität als sudetendeutsche Volksgruppe in Europa in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von niemandem in Frage stellen, auch nicht von den tschechischen Nachbarn“, so unser gemeinsames Credo auch gegenüber der Sudetendeutschen Zeitung. Dazu stehe ich, auch wenn das manchem Politiker in der Deutlichkeit nicht  gefällt.

Wie ermutigend, dass es parallel dazu Menschen wie bei „Antikomplex“ gibt, die dabei durchaus eine kritischere tschechische Aufarbeitung der jüngeren nationalen Geschichte vornehmen. Es sind Gott sei Dank immer mehr junge Menschen aus der Tschechischen Republik, die unverkrampfter offen die Fragen stellen:

·        Wo sind unsere deutschen Nachbarn? Wem gehörten die Häuser vorher und warum stehen viele leer und verfallen? Was bedeuten die tausende deutschen Grabsteine, deutschsprachigen Inschriften in den Kirchen und warum leben sie nicht mehr unter uns?

Die Wunden, die der Nationalismus und Hass auf den Anderen in ganz Europa hinterlassen hat, sind weitgehend schon vernarbt. Aber sie sind insbesondere auch bei unseren tschechischen Nachbarn nicht nur mit Euro zu heilen, sondern mit der Bereitschaft ehrlich miteinander umzugehen.

Das bedeutet auch, nach Abschluss von Restaurierungen zweisprachige eindeutige Beschriftungen an Kirchen, Denkmälern und Mahnmalen zu wählen und nicht allgemein von Opfern, Gewalt und Unrecht zur reden. Die nächste Generation kann mit derart allgemeinen Aussagen nicht viel anfangen und hat ein Recht darauf, es genauer zu erfahren.  

VERGESSEN wir unsere Heimatverbliebenen nicht! Denn wer sich um seine Heimat bzw. die seiner Eltern und Großeltern kümmert, der wird sich ganz sicher auch um seine neue Heimat vor Ort bemühen!

Wir werden uns auch weiter für den Erhalt unserer deutschböhmischen Heimat einsetzen. Die Vertriebenen identifizieren sich noch immer mit ihrer Heimat und leisten enorm viel für die Erhaltung kultureller Zeugnisse ihrer Vorfahren. Und so manche kommunale Behörde verspürt ganz direkt die dauerhafte Beschädigung und die Verluste, die die Grenzregion durch die gewaltsame Entvölkerung genommen hat.

Wir brauchen verlässliche starke Signale für uns als Vertriebenen, ihre Kinder und Enkelkinder von offizieller Politik. Es ist eine Frage von Menschlichkeit und Gerechtigkeit, dass sich in Berlin da etwas mehr bewegt und es ist bereits 5 nach 12 dafür!

Ich wünschte mir auch von sächsischen Politikern und unserem Ministerpräsidenten klare Worte und Zeichen: einen Besuch unseres Sudetendeutschen Büros in Prag,  die aktive Unterstützung der Errichtung des zentralen SudetendeutschenMuseums in München.

Liebe Teilnehmer der heutigen Gedenkveranstaltung,

die Pflege unserer Kultur und unseres Brauchtums, die wir an unsere Kinder und Enkel weitergeben trägt mit dazu bei, dass der Heimatgedanke auch weitergetragen wird. Das ist gut so!

Dass auch 68 Jahre nach dem verübten Verbrechen und dem uns zugefügten Leid noch immer so viele Menschen an dieser Gedenkfeier in Deutschneuendorf teilnehmen lässt hoffen. Nutzen wir das und tragen wir es in die Zukunft!

Überlassen wir unsere Geschichte nicht nur Historikern, sondern erzählen wir sie unseren Kindern und insbesondere Enkeln, die zunehmend ein offeneres Ohr für unsere Themen haben. Bleiben wir bei unseren Visionen für ein gemeinsames Miteinander über Ländergrenzen hinweg auf Augenhöhe und ohne Komplexe.

Bauen wir auf unsere Kultur und unsere positiven Erfahrungen im Miteinander mit unseren tschechischen Nachbarn! Schlagen wir weiterhin die Brücken nach Tschechien, auch wenn noch nicht jeder dort unsere ausgestreckte Hand entgegennimmt.

Der große französische Erzähler und Philosoph Voltaire formulierte einmal vor über 300 Jahren: „Ich mag verdammen was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“ In diesem Sinne lassen sie uns verlässliche, treue und kritische Mitgestalter und Wegbegleiter unserer gemeinsamen deutschböhmischen Heimat bleiben. Möge es uns dabei gelingen unseren Elan und unsre Energie unseren Nachkommen zu übergeben, damit sie unser Lebenswerk fortsetzen. Dafür wünsche ich Ihnen und uns alles Gute, vor allem l Gesundheit, Kraft und Zuversicht  auf weitere erfreuliche Veränderungen. Wenn wir alle gemeinsam mithelfen, dass die Erinnerung an die deutschen Siedlungsgebiete gerade bei der jungen Generation nicht verloren geht – in den Schulbüchern und vor allem durch die Wertschätzung der Leistung unserer Vorfahren und die weitere Prägung einer positiven öffentliche Meinung über uns Vertriebene, - dann bauen wir damit mit an einem engagierten Deutschland in einem offenem Europa

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Claus Hörrmann

Stell. Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft

Deutschneudorf, den 06.07.2013

Pfarrer Michael Harzer sprach folgende Worte zum Gedenken:

Meine lieben Heimatfreunde,

mit ganzem Herzen bin ich Erzgebirger und dabei gehört für mich die böhmische Seite ganz fest zu meiner Heimat dazu. Ich bestaune die wunderschöne Landschaft mit den Bergen und Tälern, den Dörfern und Städtchen und mit den weiten Ausblicken ins Böhmische Becken hinunter. Meine Liebe zum böhmischen Erzgebirge mag dabei  mit meiner Familiengeschichte zusammenhängen, ist doch mein Urgroßvater in Böhmisch Reitzenhain geboren und lebten doch seine Vorfahren über Generationen in Böhmisch Reitzenhain,  Natschung, Neudorf bei Sebastiansberg und teilweise in Komotau-Oberdorf.

An so manchem Sonntag führten mich schon Ausflüge mit meiner Familie hinunter nach Komotau in den Zoo und an den Alaunsee. Wenn wir dann den bewaldeten Berghang wieder hinauf auf den Kamm des Erzgebirges fahren, dann wird in mir auch die Erinnerung an jene furchtbaren Ereignisse vom Juni 1945 wach, als all die vielen Komotauer in Todesangst von entmenschten Schergen den Berg herauf getrieben wurden.

Wer auch nur eine Ahnung vom Glauben in sich trägt, der fragt angesichts solchen Leidens unschuldiger Menschen automatisch: Gott, wo warst du damals? Warum diese Schrecken, dieses furchtbare und sinnlose Leid? Gefährlich ist es,  darauf schnelle, billige Antworten zu finden. Genau so gefährlich aber ist es zu sagen: Gott gibt es nicht, weil dieses Leid geschehen ist.

Hilfreich geworden ist mir bei diesen Fragen aber zweierlei: Zum einen das, was mir ein Vater sagte, der einen Sohn durch einen tragischen Unfall verloren hatte. Er sagte mir: „Ich stand danach oft in der Versuchung, meinen Glauben wegzuwerfen. Aber dann wurde mir klar: Wenn es eine Chance gibt, irgendwann einmal eine Erklärung auf die verzweifelten Warum-Fragen  zu bekommen, dann nur, wenn ich an Gott festhalte. Dann werde ich, wenn ich einmal Gott persönlich gegenüberstehe, ihm diese Fragen stellen können und eine Antwort bekommen“.

Das zweite: Immer wenn ich in der Fastenzeit mit meinen Schülern der Klasse 11 die Stationen des Führich-Kreuzweges betrachte, auf den durch die Straßen von Jerusalem getriebenen Schmerzensmann Jesus-Christus schaue, dann fällt mein Blick auch auf die

geschlagenen, getriebenen und getöteten Komotauer Männer. Und ich bin gewiss: Überall, wo Menschen unschuldig leiden, wo Menschen entehrt, gefoltert und getötet werden, da ist Christus dabei,  da leidet Christus selber mit.

Weil Christus aber nun nicht im Leiden, am Kreuz und im Grab geblieben ist, weil er der Auferstandene ist, deshalb steht über allem Leid dieser Welt, auch über dem Komotauer Todesmarsch die Hoffnung der Auferstehung und damit der Gerechtigkeit. Auch für die Opfer von damals. Auch für uns gilt die Zusage, die uns Christus gegeben hat und die mich seit meiner Taufe vor über 45 Jahren durchs Leben begleitet. Christus spricht: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“

Ich wünsche Ihnen allen und ich wünsche allen Menschen gerade auch auf beiden Seiten des Erzgebirgskammes diese Gewissheit. Wo sie wächst, da ist Leben und Zukunft – schon hier und heute.

Unser Komotauer Heimatpfarrer Karl Brünnler,  seit Jahren Mitwirkender bei den Gedenkveranstaltungen,  hat in diesem Jahr Herrn Pfarrer Harzer das geistliche Wort zum  Gedenken an die Opfer übertragen.  Gemeinsam mit den Anwesenden haben die beiden Pfarrer  dann das „Vater unser“ gebetet.  Anschließend  wurde der Segen erteil, worauf sich  eine andächtige Stille über die Gedenkstätte legte.

Die  Gedenkveranstaltung wurde wieder  durch den Anton–Günther-Chor  musikalisch mit vier Anton-Günther- Liedern umrahmt.  Benjamin Harzer, Sohn von Pfarrer Harzer, brachte das Trompetensolo „Ich hat’ einen Kameraden“.

Bei  himmlischem Wetter neigte sich die Gedenkstunde dem Ende zu.  Otto Schindler, stellv. Vorstand,  sprach das Schlußwort und bedankte sich bei allen Anwesenden für ihr Kommen.  Allen Mitwirkenden an der Gedenkstunde galt  ein herzliches Dankeschön.  Mit dem Wunsch für eine gute Heimreise und ein gesundes  Wiedersehen fand die Gedenkstunde  ihren Abschluss.

Für ein heimatliches Zusammensein trafen sich  Landsleute mit Pfarrer Brünnler und dem Vorstand  des Fördervereins im „Hotel zum Einsiedler“ in Deutscheinsiedel zu Kaffee und Kuchen.  Am  folgenden Sonntag sahen sich viele Landsleute wieder bei der  Wallfahrt  in Quinau. 

Zum Schluss auch ein herzliches Danke an alle Spender, die an der Gedenkstätte Blumen und Kränze niedergelegt haben.

                                                                                                     Hedwig Gemmrig-Helmich

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Landsleute und Gäste versammeln sich...

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...zum Gedenken an die Opfer

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Heimatkreisbetreuerin Hedwig Gemmrig bei der Begrüßung

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Bürgermeister und Bundestagsabgeordneter Peter Haustein bei seinem Grußwort

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Gedenkredner Claus Hörrmann, stv. Bundesvorsitzender der SL

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Grußwort von Helmut Seemann, Landschaftsbetreuer Erzgebirge- Saazerland

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Ehrengäste v.l. Pfarrer Brünnler, Pfarrer Harzer, Claus Hörrmann, Helmut Seemann

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V.l. Helmut Seemann, Otto Schindler, Hedwig Gemmrig, Bürgermeister Andreas Haustein,Seiffen und Bürgermeister Peter Haustein, Deutschneudorf

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Landsleute und Gäste

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Landsleute und Gäste

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Landleute und Gäste

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Landsleute. Vorne Hans Hoyer, Hedl Schindler, Frau und Herr Děd

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An der Gedenkstätte

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Gedenken der Landsleute

V.l. Pfarrer Karl Brünnler und Pfarrer Michael Harzer

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Trompetensolo Benjamin Harzer

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V.l. Bürgermeister Andreas Haustein, Seiffen, Bürgermeister Peter Haustein Deutschneudorf, Otto Schindler und Hedwig Gemmrig beim Totengedenken

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Otto Schindler, stv. Vorsitzender des Fördervereins, beim Schluß- und Dankeswort

1345

V.l. Helmut Mürling, Herbert Marsch, Helmut Seemann, Dietmar Hübler

1319

V.l. Pfarrer Brünnler, Herbert Marsch, Claus Hörrmann. Bgm. Haustein, Deutschneudorf, Hedwig Gemmrig, Bgm Haustein,Seiffen, Helmut Seemann

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Bürgermeister Peter Haustein und Bürgermeister Andreas Haustein im Gespräch mit Steffen Ulbricht von der Presse

1322

Bürgermeister Peter Haustein, Förderverein Vorsitzende Hedwig Gemmrig und Bürgermeister Andreas Haustein

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Hinten rechts: Christian Reichelt, Hüter der Gedenkstätte

André Seifert hat wieder für die gute Tontechnik gesorgt

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Alice Parthe, Hedl Hurnik, Paula Luft, Edeltraud Kretschmar

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Die Schwestern Elfriede Perz und Anni Wischner von der SL Bitterfeld

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 Blumenschale von Heimatkreis und Förderverein 

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Blumenschale Sudetendeutsche Landsmannschaft Kreisgruppe Bitterfeld

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Kranz VEBW

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Kranz vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge

Der Anton Günther- Chor, Seiffen umrahmte die Gedenkfeier musikalisch  Video

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Die Gedenkstätte für die Opfer

WIR DANKEN ALLEN, DIE BLUMEN BEI UNS NIEDERGELEGT HABEN

 

Heimatkreis Komotau

 

Förderverein Mittleres Erzgebirge-

Komotauer Land e.V.

 

Fotografiert haben Hedwig Gemmrig, Herbert Marsch, Helmut Mürling

Pressebericht Sudetendeutsche Zeitung

Pressebericht Komotauer Zeitung

Pressebericht Wochenspiegel- Regio