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Opfergedenken an unserer Gedenkstätte "9.Juni 1945"

am Samstag, den 14.Juni 2008

veranstaltet vom Heimatkreis Komotau und  Förderverein Mittleres Erzgebirge, Komotauer Land e.V.

 

Erinnerung  an den Todesmarsch   der Komotauer Männer  -  nach 63 Jahren von Gert Schrötter

Sind es „Ewiggestrige“, Neo-Nazis gar, die sich in großer Zahl um die „Gedenkstätte 9. Juni 1945“  versammelt haben? Sicher nicht. Denn hier, an diesem historischen Platz, von dem es nur ein paar Meter zur tschechischen Grenze sind, endete am 9. Juni 1945 vorläufig der Todesmarsch von rund 8.000  Komotauer  Männern und Jugendlichen zwischen 13 und 65 Jahren, die die Tschechen hinauftrieben von Komotau zur Grenze, um sie den Russen zu übergeben. Die lehnten ab, und der Elendszug der Komotauer schleppte sich hinunter zu den Hydrierwerken Maltheuern / Zaluzi in die Zwangsarbeitslager. Dort schufteten die Männer und Buben, halb verhungert und in ständiger Todesangst für Monate, Jahre. Viele verschwanden dort für immer.Daran wollten sich die Komotauer Frauen und Männer auch diesmal wieder erinnern, an dieser Gedenkstätte wider das Vergessen.

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Bürgermeister Haustein bei seinen Grußworten

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Rudolf Meinl, Obmann der SL Sachsen, bei der Gedenkrede

Sie blieben nicht unter sich. Mit viel Beifall als Gäste begrüßt wurden Heinz-Peter  Haustein, Bürgermeister von Deutschneudorf, MdB und inzwischen ein guter Freund der Komotauer; Rudolf Meinl, Bundesvorstandsmitglied der Sudetendeutschen Landsmannschaft und Landesobmann von Sachsen; Helmut Seemann, Heimatkreisbetreuer für Kaaden und Landschaftsbetreuer für das Erzgebirge- Saazerland in der Sud. Landsmannschaft; die Pastorin Dorothea Recknagel und Pfarrer Karl Brünnler . Aus Komotau kamen Museumsdirektor Stanislav Ded und wieder Prof. Joseph Märc vom Komotauer Gymnasium mit einigen seiner Schüler, Hedi Hurnik vom Kulturverband und Jan Bartos, Ema Laub und Karin Stefan vom Begegnungszentrum Komotau mit Landsleuten der deutschen Minderheit, sowie Landsleuten aus dem Heimat-Nachbarkreis Brüx. Die musikalische  Umrahmung der Gedenkstunde hatten wie immer der Anton- Günther- Chor Seiffen und der Trompeter Dieter Bilz. übernommen.

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Der Anton Günther- Chor: "Vergass dei Haamit net..."

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Begrüßung durch die Heimatkreisbetreuerin Hedwig Gemmrig

Im Hintergrund Trompeter Dieter Bilz

Hedwig Gemmrig, Vorsitzende des Fördervereins Mittleres Erzgebirge Komotauer Land  e.V. und Heimatkreisbetreuerin für Komotau rief den Versammelten den  9. Juni 1945   ins Gedächtnis, als unbeschreibliches Leid über die Komotauer hereinbrach. Sie erinnerte an die Massaker auf den Jahnspielplätzen, an das sich der Todesmarsch anschloss, an die Gräuel im tschechischen KZ Glashütte am Rand von Komotau und an andere Orte, wo Komotauer Männer und Frauen, wie überall im Land, gefoltert und erniedrigt wurden und oft den Tod fanden. Einziger Grund: Sie waren Deutsche, an denen sich der Haß der Tschechen, die meist aus dem Landesinnern kamen, austobte.

„Die Liste der Toten und Vermissten in Komotau“ so Gemmrig,  „ist lang. Ebenso die im KZ Glashütte, auf dem Todesmarsch, in den Zwangsarbeitslagern. Sie füllt ganze Seiten in unserem Archiv.

DAS GROSSE SCHWEIGEN

Und dann kam Gemmrig auf ein Phänomen zu sprechen, das eine ganze Vertriebenengeneration prägte: Das große Schweigen. Das, was sie erlebten, überlebten, war oft  so grauenvoll, das sie, die Zeitzeugen, verdrängten, nicht daran erinnert werden wollten.  Das war ein Grund. Ein anderer: Man hat ihnen dort, wohin sie nach der Vertreibung verschlagen wurden, einfach nicht geglaubt. Und schließlich ein dritter: Ihr Sudetendeutsche wart ja eh alle Nazis. Euch ist ganz recht geschehen. Da wird man stumm. Und so kam es, dass viele Vertriebene  ihr Trauma mit ins Grab nahmen und nehmen. Gemmrig:  „Der ihnen zugefügte körperliche und seelische Schaden, die menschliche Erniedrigung, das erlebte Unrecht, Gewalt und Vertreibung durch Menschen, mit denen sie Jahrhunderte in einer gemeinsamen Heimat gelebt haben, konnten sie nie verwinden. " Und weiter: „Wir müssen für Sie sprechen. Dieser Ort, an dem wir uns jedes Jahr treffen, ist ein Ort des Gedenkens, des Nachdenkens

Hauptredner   war Rudolf Meinl, Bundesvorstandsmitglied der SL und Landesobmann von Sachsen. Meinl: Die Sudetendeutschen mussten die ganze Wut ertragen, die von rachsüchtigen Politikern einem Teil des tschechischen Volkes eingeredet wurde als Strafe für die Untaten der Nationalsozialisten.  Bei der Vertreibung musste man sich einer von weit her zusammengetrommelten Soldateska bedienen, denn viele der ansässigen tschechischen Bürger verstanden diese Maßnahme kaum…“ Offenbar denken die Tschechen, inzwischen in die Muster- Menschenrechts EU aufgenommen, noch radikaler. Meinl: „ 63 Jahre nach der Vertreibung der Deutschen aus ihrer angestammten Heimat besteht nach wie vor die überwiegende Meinung in unserem Nachbarland, dass die Vertreibung „gerecht“ war…  Aber die politische  Führungsschicht der Tschechischen Republik kommt um eine Aufarbeitung der damaligen Zustände und Vorgänge nicht herum. Und es mehren sich die Äußerungen einiger Politiker, dass die Vertreibung der Deutschen kein Tabuthema mehr ist… “ Unbestritten ist auch, dass die deutsch-tschechischen Kontakte auf der sogenannten „Unteren Ebene“ zunehmen. Meinl: „Wie gut diese Beziehungen auf kommunaler Ebene an vielen Stellen funktionieren, können uns viele Bürgermeister, Kommunalpolitiker und Kirchenvertreter bestätigen.“ Der Grund ist, dass die Vertriebenen sich noch immer mit ihrer Heimat identifizieren und vor allem etwas zur Erhaltung kultureller Zeugnisse ihrer Vorfahren tun. Meinl: Die kommunalen Behörden verspüren in erster Linie den Schaden, den die Grenzregion durch die Entvölkerung genommen hat. Dann zitierte Meinl aus dem Buch „Das verschwundene Egerland“, das zwei junge Tschechen verfassten und dessen Aussagen auch auf das Mittlere Erzgebirge, das Komotauer Land, das gesamte Sudetenland zutreffen:  

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Ehrengäste und die Veranstalter: V.l.: Pfarrer Brünnler, Pastorin Recknagel, Rudolf Meinl, Erhard Seemann, Hedwig Gemmrig, Peter Haustein

DIE  FOLGEN

„Die Folgen der Zwangsaussiedlung der ursprünglichen Bevölkerung verwandelten allmählich das einst anmutige, besiedelte Egerland in ein gottverlassenes Grenzgebiet. Es kam zu einem bis dahin unbekannten und im zivilisierten Europa neuartigen Phänomen – es entstand ein verwüsteter, zerstörter, von jedem Leben gereinigter Raum zwischen den Welten…“ Schon ein paar hundert Meter weiter über die Grenze hinein nach Tschechien konnte dieses Phänomen von der Vertriebenen mit einer Mischung aus Wut und Trauer besichtigt werden.

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Erhard Seemann bei seiner Dankesrede

Mit Erhard Seemann, Vorstandsmitglied des Fördervereins Mittleres Erzgebirge - Komotauer Land e.V. sprach einer, ohne dessen Kraft und Durchsetzungsvermögen die “Gedenkstätte 9. Juni 1945“ so, wie sie sich jetzt  präsentiert, wohl nicht realisiert worden wäre. Mit seinem kleinen Team hat Seemann allen Schwierigkeiten zum Trotz über Jahre immer an der Verwirklichung der Gedenkstätte gearbeitet. Er begrüßte alle Teilnehmer und Gäste, dankte dem Chor und Solisten und besonders Christian Reichelt, der jahraus, jahrein die  Gedenkstätte fachkundig pflegt.    Dass nun zum zweiten Mal Schüler des Komotauer Gymnasiums mit ihrem Lehrer, Prof. Joseph Märc den Weg nach Deutschneudorf marschieren, den am 9. Juni 1945 der Elendszug der Komotauer Männer genommen hatte, wertete Seemann als Zeichen dafür, dass in der Tschechischen Republik „langsam eine Jugend heranwächst, die die Wahrheit über die Vertreibung und ihre Schrecknisse wissen will.“ Seemann verwies auf die zwei Worte, die einmal im Wappen der Tschechoslowakei verankert waren: „Pravda vitesi“. („Die Wahrheit wird siegen“). Wenn die Tschechen sich der historischen Wahrheit endlich stellen würden, würde auch, wie es sich die Sudetendeutschen wünschen, das „Meinungsbild vieler Tschechen und mancher deutschen Politiker zurechtgerückt, dass die Vertreibung der Sudetendeutschen eben nicht eine Folge des Zweiten Weltkrieges, sondern ein von Masaryk und Benesch von langer Hand geplantes Vorhaben war, dessen Wurzeln bis in 19. Jahrhundert reichen…“ Endlich, so Seemann, sollten die Tschechen die ganz Europa belastenden Benesch-Dekrete und das Amnestiegesetz (das alle Vertreibungsverbrechen an Deutsche außer Strafverfolgung  stellt) annullieren, damit ein echter Dialog zwischen Tschechen und Sudetendeutschen auf höchster Ebene in Gang kommt. Ein besonderes Anliegen der Komotauer sei es, von den Tschechen die Stellen aufgezeigt zu bekommen, wo die Opfer, unter anderem vom  Jahnspielplatz 9. Juni 1945, KZ Glashütte, Zwangsarbeitslager Maltheuern,  verscharrt worden sind.
ABSCHIED

Überraschend   dann und  mit großem Bedauern zur Kenntnis genommen die Ankündigung  Seemanns, dass er sich aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen müsse, „Ich überlasse ein wohl bestelltes Feld einer jüngeren Generation in der Hoffnung, dass dies, was ich und mein Team schufen, auch in Zukunft erhalten bleiben möge.“ Das war nicht so dahingesagt. Alle sahen, dass Seemann dieser Abschied nicht leicht fiel, die Gedenkstätte eine Herzenssache von ihm ist. Wie sehr Seemann Deutschneudorf, seinem Bürgermeister, dem Gemeinderat, Chor und Musikern und den beiden Kirchen verbunden ist, drückt er so aus: „Das kann und werde ich nicht vergessen!“ Die Antwort kam prompt. Er bedauere, so Bürgermeister Haustein, dass die Ära Seemann“ zu Ende gehe. Was er und sein Team hier geleistet hätten, verdiene hohe Anerkennung. „Erhard Seemann ist ein Stück Deutschneudorf geworden.“ Ein langer Händedruck unterstrich diese Worte.

 

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Bürgermeister Peter Haustein dankt seinerseits Erhard Seemann

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Helmut Seemann, HKB Kaaden- Duppau bei seinen Grußworten

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Teilnehmer der SL Ortsgruppe Bitterfeld, hintere Reihe Gymnasiasten aus Chomutov (Komotau)

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Gedenken der Opfer und gemeinsames Gebet durch Pastorin D. Recknagel und Pfarrer K. Brünnler

dnd0806.jpg (19790 Byte)Aufstellen der Blumenschale durch HKB Hedwig Gemmrig

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Das Forum der Landsleute und Gäste

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Im Gespräch: V.l.: Hedl Hurnik, Hedwig Gemmrig und Professor Merc

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Totengedenken

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Besucher aus Bitterfeld, Schüler des Goethegymnasium, dahinter die Grenzbrücke zu Gebirgsneudorf

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Die offene Grenzbrücke zwischen Sachsen und Böhmen