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Karl Pietsch, Auswanderer nach USA - Kopieren - Der Sudetendeutsche Heimatkreis Komotau

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Karl Pietsch, Auswanderer nach USA - Kopieren

Walhalla der Persönlichkeiten > Komotauer überall
Einmal ein Komotauer,
immer ein Komotauer

von Helmut Mürling


Seit etwa 15 Jahren erhalte ich von einem Komotauer sporadisch Post  aus den USA. Karl Pietsch ist heute 93 Jahre alt, aber noch sehr rüstig. Er berichtet aus seiner Jugend, der Zeit, als wir die Heimat verlassen mußten und seiner Zeit jetzt in den USA.
Sein Großvater war Uhrmachermeister und hatte einen Laden auf dem Komotauer Marktplatz. Um die hohen Zölle der k.u.k. Monarchie zu umgehen, suchten sich viele deutsche Unternehmen Standorte in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien. So kamen Mannesmann, die Poldihütte und Schlenker & Kienzle nach Komotau. Für viele heimische Handwerker war dies ein Grund, ihre Selbständigkeit aufzugeben und sich bei diesen Firmen zu verdingen.
So muss es wohl auch bei Karl Pietsch´ Großvater gewesen sein. Er wurde Meister bei Kienzle. Auch Karls Vater war Holzschnitzer bei Kienzle. Er fertigte Gehäuse von Kuckucksuhren. Wohl aus Gründen beruflicher Fortbildung zog sein Vater zwischen 1921 und 1923 nach Villingen- Schwenningen, dem Hauptsitz von Schlencker & Kienzle. Die Inflation in Deutschland brachte ihn aber, mit seiner Familie wieder zurück nach Komotau. Er war wieder Holzschnitzer bei Kienzle, 100 Schritte vom Assigbach in der einstigen Teusermühle.

Das Deutsche Volksblatt, unsere Komotauer Tageszeitung, berichtet am 30.5.1931 von einem 7 jährigen Jungen, Sohn eines Holzschnitzers, der in der Plattnerstraße von einem Radfahrer umgefahren wurde und dabei einen Bruch am linken Unterschenkel erlitt. Er mußte ins Krankenhaus eingeliefert werden. Der Name des Jungen war Karl Pietsch.
Karl wuchs inzwischen zu einem aufgeweckten Jungen heran. Nach seiner Schulzeit begann auch er im Jahre 1937 eine Lehre bei Kienzle. Es war die dritte Generation bei Kienzle. Karl arbeitete sich unter der Aufsicht seines Großvaters schnell voran und bekam eine kleine Drehbank. Dort verdiente er 1 Krone die Stunde. Bald aber wurde der handwerklich geschickte Karl im Regulatorsaal eingesetzt. Eine verantwortungsvolle Tätigkeit. Es galt die Ding- Dong´s der Uhren und deren Perpentickel  einzurichten.
Seine Freizeit verbrachte Karl überwiegend beim DTV (Deutscher Turnverein 1864). Turnen und Rasenspiele machten viel Spaß. Die Jahnturnhalle war neu eröffnet und es gab unter den Fittichen des steinernen Deutschherrnritters für außerordentliche sportliche Aktivitäten viele Möglichkeiten.
Nach dem Übergang ins Deutsche Reich suchte die Reichsbahn Mitarbeiter im Nachrichtendienst. In Dresden bestand Karl seine Aufnahmeprüfung bei der Reichsbahn. Das Morse- Alphabet war Karl  von seiner Turnerzeit her vertraut. Einmal gelernt vergisst man es ein Leben lang nie.  .-.. das „L“ oder phonetisch „Ich liebe dich.“
Bald wurde auch zur Wehrmacht geworben. Karl meldete sich freiwillig, aber nicht zur Landtruppe (Infanterie), sondern zur Marine. Er kam dort auf die Funkerschule. Gefunkt wurde hier drahtlos, im Gegensatz zur Reichsbahn. Karl kam u.a. nach Kopenhagen und übernahm dort die Ausbildung junger Mädchen zu Funkerinnen.
Karl machte dies aber wenig Freude. Inzwischen war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen. Karl wollte echten Dienst zur See. Schließlich war er ja bei der Kriegsmarine. Auf seine Bewerbung hin erhielt er schließlich seinen Einsatzbefehl für einen Zerstörer in Nord- Norwegen. Dort sollte Karls Traum in Erfüllung gehen, alles zu erleben was ein Seemann so erleben kann. Es wurden amerikanische Geleitzüge nach Russland versenkt, die meisten natürlich durch U-Boote. Gegen Kriegsende war sein Zerstörer in Bremerhaven. Karl besorgte gerade Material in Berlin, als der Krieg zu Ende war. Er kehrte zu seinem Vater nach Komotau zurück.

Karl schrieb mir:

Als ich nach dem Krieg heimkam, sagte mein Vater, dass es am besten wäre, wenn ich wieder Komotau verlassen würde, was ich ja auch  tat. Leider wurde ich  geschnappt und wurde nach Asch im Güterwagen  transportiert. Vorher wurde ich grün und blau geschlagen. 10 Grenzsoldaten  haben sich im Kreis gestellt mit mir in der Mitte. Dann fingen sie an mich von einem zum andern zu stossen und hatten so ihre Freude daran. Ich war blau am ganzen Körper und der Wärter im Gefängnis, nachdem ich mich ja vollkommen ausziehen musste, hat nur mit den Kopf geschüttelt. Er war eigentlich ein alter Österreicher und half mir, den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Ich konnte kleine Arbeiten verrichten , wie Essen austeilen, Kanzlei sauber machen usw.  Man brachte mich nach Eger. Ich denke es waren ca. 8 Tage als ich dann vors Gericht kam, wo ich dann entlassen wurde. Mein Schwager kam von Komotau und hat mich abgeholt. Ich erholte mich einige Tage und habe dann das Abenteuer wiederholt. Diesmal kam ich durch.

Ich wollte schon mal ein Buch schreiben, aber komme immer wieder davon ab, weil ich denke, daß so viele Menschen in dieser Nachkriegszeit viel Schlimmeres erlebt haben. Weißt Du:

Einmal ein Komotauer, immer ein Komotauer.

Ich sage Dir ehrlich, ich habe schon so manche Träne geweint weil ich oft großes Heimweh hatte, welches ich auch nie verlieren werde. Die Erinnerungen an meine Jugendzeit sind so stark, dass sie, ich möchte fast sagen, immer und immer wieder in mir lebendig werden und bleiben.

Lieber Helmut, ich danke Dir recht schön für die Aufnahme vom Assigbach.  Der Assigbach war für uns Jungs doch, wo man “Wasserreisen”  unternehmen konnte. Wir besuchten oft das Oberdorfer Kino am Sonntag nachmittag wo es immer interessante Filme für Jugendliche gab. Die Heimreise war immer der Assigbach bis zum Deutschherrn- Platz. Meistens waren wir nicht immer sehr trocken in den Schuhen was meine Eltern immer verrückt machte. Aber es war eben Spaß und mein Vater gab zu, dass auch er diese Assigbachreisen per Fuß unternommen hatte.  Genau so wie die Skiausflüge ins Erzgebirge, nach Reizenhein, Sperbersdorf und Platten.
Obgleich der Unterschied gross ist, verwechsle ich meine Erlebnisse oft mit Skiausflügen in Nord –Norwegen, wo wir als Soldaten gute Gelegenheiten zum Skilaufen hatten. Viele Steilhänge.

Nach dem Krieg ging Karl zur Polizei. Im Jahre 1954 wanderte Karl Pietsch in die USA aus. Über Chicago und Illinois nach Rockford. Dort lernte er seine derzeitige Frau Lucie kennen, eine Deutsche aus Neheim- Hüsten. Die Hochzeit war am 20. Oktober 1956. Im Vorjahr hatten die Beiden Diamantene Hochzeit. Heute wohnt das Ehepaar in Wausau im Staate Wisconsin. Es muß eine kalte, schneereiche Gegend sein. Karl sandte mir Fotos, auf denen sein Haus total eingeschneit ist. Mit dem Wohnwagen war Karl bis ins hohe Alter unterwegs. Er war auch begeisterter Angler in den an Fischen  überreichen Seen und Flüssen Nordamerikas.
Karl hat fünf  Kinder, zwölf Enkel und acht Urenkel.

Er schreibt weiter :

Na ja, jetzt sitze ich hier in Amerika und schaue mir öfter mal die Landkarte an, wo ich einst im Krieg war und wo ich jetzt bin  Ja, ja wohl ein jeder der im Krieg war, hat besondere Erinnerungen aus dieser Zeit. Ich hatte viel Glück, muß ich sagen, denn ich war auch über ein Jahr in Dänemark, Kopenhagen auf einer Landfunkstelle.

Mit 93 Jahren ist Karl recht rüstig. Am Halloween- Tag, dem 31. Oktober 2017, wird Karl Pietsch 94 Jahre. Der Heimatkreis Komotau wünscht Dir, lieber Karl, dazu alles Gute, Gottes Segen und vor allem viel Gesundheit.

Am 31.10.2017, an seinem 94. Geburtstag, habe ich von Petra Béguelin über E-Mail erfahren, dass Karl plötzlich und unerwartet verstorben ist.
Seinen Angehörigen wünschen wir unser aufrichtiges Beileid.

31.10.2017

Helmut Mürling, Internet Sachbearbeiter
                               
 
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